März 16, 2022 - Min LesedauerMin Lesedauer

Die Verhaltensänderung bei der Mundgesundheit

SUNSTAR CONVERSATIONS PRO
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Nach den Gesprächen zu den Themen Schwangerschaft und MundgesundheitKariesprävention bei Kindernkieferorthopädische Behandlung bei Jugendlichen und Dentinhypersensibilität bei jungen Erwachsenen, haben wir nun den mittleren Lebensabschnitt für unser Webinar  erreicht. Eine Lebensphase, in der sich bestimmte Gewohnheiten verfestigt haben können, nachdem sie im Laufe von Jahrzehnten angeeignet wurden.

Wie können Sie ein solch etabliertes Verhalten auf positive Weise verändern, um die Mundgesundheit und die allgemeine Gesundheit zu verbessern? Prof. Dr. Timothy Newton und Dr. Mario Rui Araújo, zwei Experten auf dem Gebiet der mundgesundheitsbezogenen Psychologie, gaben Einblicke in dieses Thema.

 

Erfahrungen mit Verhaltensänderungen: Umfrageergebnisse

Das Gespräch begann mit der Diskussion der Ergebnisse einer Befragung, die an die registrierten Webinar-Teilnehmer verteilt worden war. Die erste Frage lautete: „Wie sicher fühlen Sie sich in Ihrer Fähigkeit, das Verhalten eines Patienten zu verändern?“ und brachte interessante Ergebnisse. Eine Mehrheit von 88 % gab an, sich hinsichtlich ihrer Fähigkeit, das Patientenverhalten zu verändern, entweder sicher oder sehr sicher zu fühlen. Eine überzeugende Zahl nach Ansicht von Dr. Araújo und Prof. Newton. Auf die Frage „Wie viel Zeit bei einem Termin widmen Sie sich jeweils mit Ihrem Patienten dem Thema seines Verhaltens bezüglich der Mundgesundheit?” antworteten 50 % mit „mehr als 10 Minuten“; die andere Hälfte dagegen gab „weniger als 10 Minuten“ an. Wie Prof. Newton zu verstehen gibt, wird es für diejenigen, die 10 Minuten oder weniger darauf verwenden, „wirklich von wesentlicher Bedeutung sein, dass Sie in dieser Zeit maximal effizient und effektiv sind. Und daher ist es wichtig, sehr gute evidenzbasierte Techniken und Praktiken zu haben.“ Für diejenigen, die sich mehr Zeit dafür nehmen: „Es gibt zusätzliche Dinge, die Sie tun können und vielleicht passen Sie Ihre Interventionen individuell an. Das könnte zwar etwas länger dauern, würde aber Ihre Effektivität wirklich verbessern.“ Die letzte Frage zielte darauf ab, Barrieren zu erkennen, die einer Verhaltensänderung im Wege stehen. Auch wenn die Befragung einen Motivationsmangel aufseiten des Patienten als Hauptbarriere offenbarte, ist Prof. Newton der Ansicht, dass dies nicht unbedingt nur ein Problem des Patienten ist: „Vielmehr besteht das Problem darin, dass wir nicht den passenden Schlüssel finden, um diese Motivationen freizusetzen. Die wahre Herausforderung ist, darüber nachzudenken, was wir diesbezüglich tun können und darüber nachdenken, was unsere Rolle dabei ist.“ Er teilt die Barrieren zudem in drei Hauptgruppen ein: Motivationsbarrieren (beim Patienten und beim Zahnarzt), Fähigkeitsbarrieren (beim Patienten und beim Zahnarzt) und strukturelle Barrieren wie beispielsweise Bezahlung und Zeitmangel. Dr. Araújo stimmt zu: „Verhaltensänderung ist nicht nur die Verantwortung des Patienten. Sie hängt auch stark davon ab, wie wir an sie herangehen.“

Bei der Verhaltensänderung ist ein Mangel an Motivation beim Patienten nicht unbedingt ein Problem. Wahrscheinlich liegt es an uns, da wir nicht den richtigen Schlüssel finden, um diese Motivation freizusetzen

Der Kern der Verhaltensänderung bei der Mundgesundheit

Dr. Araújo beginnt mit seiner Definition, was Verhaltensänderung für ihn bedeutet, aus der Perspektive eines Klinikers und eines Lehrers: „Bei allem, was wir über die Kontrolle des dentalen Biofilms, das orale Mikrobiom, den Zusammenhang mit anderen Erkrankungen, Behandlungsverfahren und Technologien wissen, so hat doch letztlich alles sehr stark mit dem Verhalten zu tun. Und um das Verhalten zu kontrollieren, sollten wir uns einen evidenzbasierten Ansatz aneignen, und uns nicht nur auf den gesunden Menschenverstand verlassen.“ Prof. Newton ruft seine eigenen, persönlichen Erfahrungen in Erinnerung, um seine Interpretation von Verhaltensänderungen zu veranschaulichen. In der Schule hatte er mit dem Konzept zu kämpfen „eine Information aufzunehmen und dann, sechs Monate später, musstest du genau diese Information wiedergeben“, bis der Lehrer im Mathematik-Unterricht sagte: „Es gibt viele verschiedene Wege, wie du das tun könntest, die Frage ist, wofür du dich entscheidest. Und ich war sofort davon überzeugt, denn plötzlich ging es nicht mehr darum, dass dies richtig und das falsch ist, vielmehr hieß es jetzt: Du denkst darüber nach, wie Du dieses Problem löst. Es gibt mehr als einen Weg, um Dinge zu tun, und verschiedene Vorgehensweisen könnten mehr oder weniger gut oder effektiv sein.“ Seiner Ansicht nach ist der Schlüssel für Verhaltensänderung „der Sinn für das Verständnis, wohin du dich entwickeln willst. Die wichtigsten Wege zu verstehen, wie du dorthin kommen könntest, und dann die kreative Anwendung dieser Prinzipien, um eine Lösung für diese Person zu finden, die vor einem steht oder sitzt. Es geht darum, den Schlüssel für jede individuelle Person zu finden, um die Motivation freizusetzen, oder das Verhalten bei dieser individuellen Person zu ändern.“

Empathie versus Problemlösung

Zwei allgemeine Charakterzüge, die im Widerspruch stehen, sind Empathie auf der einen und die Fähigkeit zur Problemlösung auf der anderen Seite. Auf dem Gebiet der Mundpflege gibt es definitiv einen Platz – vielleicht sogar einen Bedarf – für beide. Prof. Newton: „Es geht darum zu verstehen, ob Sie der Typ Mensch sind, der wirklich gut darin ist, Probleme zu lösen. Sind Sie die empathische Person oder sind Sie diese unglaublich seltene und wertvolle Person, die in beiden Bereichen gleich gut agieren kann.“ Und dieses Prinzip von Empathie versus Problemlösung beschränkt sich nicht nur auf die Fachkraft für Mundgesundheit, sondern gilt auch für den Patienten: „Die andere Seite davon ist: Wonach sucht Ihr Patient? Sucht er oder sie den Weg, der eine schnelle Lösung anbietet, oder sucht er oder sie nach Empathie?“ Dr. Araújo ist derselben Meinung: „Wir sollten das Grundprinzip niemals vergessen, dass wir Menschen behandeln, die auf so viele unterschiedliche Weisen reagieren können. Aber das ist das Schöne an der Arbeit mit Menschen. Es ist natürlich kein einfaches Spiel, aber es ist faszinierend!“ Er fährt fort: „Für uns als zahnmedizinisches Personal ist es wichtig, als Team zusammenzuarbeiten, unsere verschiedenen Fähigkeiten zu verstehen und zu begreifen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen, um in der Zukunft noch besser zu sein.“

Profilerstellung für einen Patienten, um die Behandlung zu personalisieren

Einer der ersten Schritte der Verhaltensänderung besteht in der Profilerstellung für den Patienten vor Ihnen. Prof. Newton schlägt vor, mit einer Beurteilung des Ausgangszustands zu beginnen: Wo befindet sich der Patient aktuell, und was macht er oder sie. „Die Beziehung zu Ihrem Patienten sollte das Fundament sein für alles, was Sie tun. Versuchen Sie, die Patienten zu verstehen, finden Sie heraus, was sie tun, woran sie außerhalb der Arbeitswelt Spaß haben, was ihre Werte sind. Und hinsichtlich der Mundgesundheit: Was ist es, was sie wirklich wollen, was ist ihnen wirklich wichtig? Ist es ihr Aussehen, ist es die Art und Weise, wie es funktioniert?“ Er fragt seine Patienten gerne: „Wenn ich einen Zauberstab hätte, und wir könnten das bekommen, was sie haben wollten, wie würde das aussehen?“ Und interessanterweise neigen die Patienten dazu, nach den einfachsten und grundlegendsten Sachen zu fragen, beispielsweise nach weißen Zähnen, die gerade sind und schön aussehen. Und komischerweise schwingt bei der Antwort häufig ein wenig Verlegenheit mit, obwohl sie um etwas bitten, das unglaublich lohnend ist. Und das ist Ihr Ausgangspunkt, jetzt haben Sie einen gemeinsamen Wert mit ihrem Patienten! Ausgehend davon, stellen Sie kontinuierlich die Fragen: „Wo bist du jetzt, was machst du zurzeit und wie viel Zeit steht dir dafür zur Verfügung?“ Dann könnten Sie eine Liste der Optionen anbieten, die Sie als gut für Ihren Patienten ansehen, und Sie fragen: „Welche Option wäre für sie am einfachsten, um damit anzufangen?“ Das gibt dem Patienten das Gefühl, mitentscheiden zu können und dass er nicht alles auf einmal tun muss. Prof. Newton: „Wir sind in einer langfristigen Partnerschaft, um das zu erreichen, was sie wollen und was ich will. Und ich werde herausfinden, was der effektivste Weg ist, dorthin zu kommen.“ Er ergänzt, dass er es für wichtig hält, in der Beziehung zum Patienten unvoreingenommen zu bleiben.

Starten Sie den Prozess der Verhaltensänderung mit der Profilerstellung: Lernen Sie Ihren Patienten kennen.

Zielsetzung, Planung und Eigenkontrolle

Anschließend an diese Feststellung, was Sie und Ihr Patient ändern wollen, folgen die nächsten Schritte: Zielsetzung, Planung und Eigenkontrolle. Professor Newton dazu, wie er diese Strategie verfolgt: „Das knüpft, zurückblickend, an das an, was ich eben über meine Erfahrung in der Schule gesagt habe. Ich sage den Menschen nur sehr selten etwas, ich vermittle wirklich überhaupt nicht viele Informationen. Und wenn Patienten Infos brauchen, verweise ich auf Videos, oder übergebe sie an die Dentalhygienikerin.“ Auch wenn das eventuell kontrovers klingen mag, tatsächlich steckt eine Logik hinter diesem Vorgehen: „Worauf ich mich fokussieren möchte, wenn ich im Gespräch mit dem Patienten bin, ist Folgendes: Wann werden sie sich das Video ansehen, wann werden sie sich die notwendigen Produkte kaufen, wann werden sie es zum ersten Mal ausprobieren? Und dann, nach einer Woche Anwendung werden wir sehen, wie es funktioniert hat und sehen, ob wir den Plan anpassen müssen, um den Weg zum Ziel weiterzugehen.“ Der Grund, warum Prof. Newton sich eher auf Zielsetzung, Planung und Kontrolle fokussiert als Informationen bereitzustellen, ist die Zeit: „Wenn Sie nur fünf Minuten haben, machen Sie einen Plan, damit es praktisch umsetzbar ist.“ Das ultimative Ziel ist, Ihren Patienten die Fähigkeiten zu vermitteln, diese Schritte zu befolgen, sodass sie Sie im Grunde gar nicht mehr brauchen.

Wenn die Zeit mit Ihrem Patienten begrenzt ist, verschwenden Sie sie nicht damit, Informationen herauszugeben. Fokussieren Sie sich stattdessen auf die Planung

WHO-Resolution zur Mundgesundheit

Am 27. Mai hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Resolution veröffentlicht, die die Mundgesundheit wieder auf die globale Agenda setzt, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf die Prävention gelegt wird. Dr. Araújo dazu, was das für die Zukunft der Zahnheilkunde bedeuten könnte und welche Rolle die Verhaltensänderung dabei spielen könnte: „Sie setzt eine große Verantwortung auf uns alle als Fachkräfte für die Mundgesundheit. Wenn wir etwas verbessern wollen und einen Schritt nach vorn gehen wollen, müssen wir die Verhaltensänderung stärker berücksichtigen, weil sie fundamental wichtig ist, um Erkrankungen wie Parodontitis zu behandeln. Und die Universitäten haben eine wichtige Rolle, um die Aufmerksamkeit der Studierenden auf die Verhaltensänderung zu lenken, denn sie sind die neue Generation der Fachkräfte für Mundgesundheit.“ Prof. Newton stimmt dem vollkommen zu: „Es ist eine tolle Möglichkeit, unser Denken über die Art und Weise, wie wir uns um die Mundgesundheit kümmern, zu verändern und die Dinge auf den Kopf zu stellen.“ Was er damit meint, erklärt er folgendermaßen: „Wir müssen zu der Sichtweise kommen, dass jede orale Erkrankung ein Misserfolg ist, und damit ist jede Zahnbehandlung -außer der Prävention - ebenfalls ein Misserfolg.“

Jede orale Erkrankung ist ein Misserfolg, und damit ist jede Zahnbehandlung -außer der Prävention - ebenfalls ein Misserfolg

SUNSTAR begrüßt den Schritt der WHO sehr, da wir seit über 30 Jahren das Thema Mundgesundheit und Allgemeingesundheit intensiv verfolgen. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir die Patienten unterstützen können, ihr Verhalten hin zu einer besseren Mundgesundheit zu verändern.

Wenn Sie den Experten zuhören möchten, können Sie das gesamte Webinar hier ansehen.

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